„Du hast doch so viele Lieder über Menschlichkeit geschrieben und gesungen. „Lieber Gott“, „Siehst du die Sonne nicht“, „Eiszeit“, „Hund des Krieges“ und so weiter, mach doch mehr daraus! Vor dem Hintergrund dessen, was in der Ukraine, in Gaza, in Afrika und all den anderen Kriegs- und Krisenherden dieser Welt passiert.“
Eine Aufforderung, die ich von jemandem erhielt, den ich nicht kenne, die aber (oder vielleicht gerade deswegen) das Fass zum Überlaufen bringt. In zunehmendem Maß, etliche Male am Tag und oft auch nachts, frage ich mich – wie viele andere auch: Wann ist Schluss mit diesem Wahnsinn, und wenn nicht, wohin führt uns das alles?
Wie kann es sein, dass man über die Grundzüge unseres menschlichen Regelwerks, das überall auf unserem Globus, in den Gesellschaften, Geltung haben sollte, so uneinig ist – oder, wenn es Einigkeit gäbe, so zynisch, abscheulich und abwegig in dessen Auslegung ist? Wie kann es sein, dass das, was man sich selbst wünscht und lebt, anderen verwehrt?
Die Toten, die Verletzten, die Entführten, die Entwurzelten – sie alle sind nur noch Zahlen, mit denen arrogante, gierige, machtversessene, ignorante und selbstverliebte Entscheidungsträger spielen, als wären es Schachfiguren. Und dann die vielen Duckmäuser, die Angst haben, die Wahrheit zu erkennen, sich dazu zu bekennen, die alle hoffen, diese fatale Erosion unserer Ethik würde an ihnen schadlos vorbeigehen.
Was wollen sie alle ihren Kindern erzählen, später, wenn die Karre bis obenhin im Dreck steckt? Haben sie es dann alle eh gewusst? Und wenn ja, waren sie dann schon immer dagegen? Es wird Zeit, den Druck auf unsere politischen Protagonisten zu erhöhen, bis diese endlich über ihren eigenen Schatten springen und sich geschlossen mit denjenigen solidarisieren, die schon lange die Doppelzüngigkeit, den fehlenden Mut, die geradezu heuchlerischen Verhaltenszüge mancher an den entscheidenden politischen Schalthebeln anprangern, die zu all dem Leid der Menschen in den betroffenen Regionen durch ihre Tatenlosigkeit beigetragen haben.
Gaza: Genozid kann man nicht kleinreden. Man kann und darf ihn nicht verharmlosen. Wachen Sie auf, Herr Merz, Herr Pistorius, Herr Wadephul. Bleiben Sie nicht weiter der verlängerte Arm einer radikalen, ultrarechts ausgerichteten und bestimmten Politik eines, wegen völkerrechtlicher Vergehen angeklagten, Ministerpräsidenten Netanjahu.
Wenn wegen Ihrer Unentschlossenheit oder aus Gründen unbewältigter Vergangenheit dieses sich im Augenblick an der Macht befindliche System weiter unterstützt wird, wenn mit fortgesetzten Waffenlieferungen noch mehr wehrlose Kinder, Frauen und Männer getötet werden, dann klebt Blut auch an Ihren und unseren Händen, denn als gewählte Volksvertreter manövrieren Sie unser Land, unsere Bürger in diese mit nichts zu rechtfertigende Situation.
Während wir uns satt essen, verhungern täglich Menschen vor unseren Augen. Können Sie da noch ruhig schlafen? 18.000 tote Kinder bis jetzt, ausgemergelte Körper, verzweifelte Eltern, die tatenlos zusehen müssen, wie ihre Kinder sterben. Wehrlose, die erschossen werden, weil sie um Essen kämpfen? Kann da das Schnitzel auf dem eigenen Mittagstisch noch schmecken?
Gehen Sie es an, Herr Merz, Herr Pistorius, Herr Wadephul. Es reicht! Setzen Sie ein Zeichen, JETZT!
Und ja – für den brutalen Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf friedliche Menschen, für deren Verschleppung und für deren Tod gibt es keine Rechtfertigung. Nicht jetzt, NIE. Die Reaktion der israelischen Regierung und vieler in der Gesellschaft, die Trauer und die Wut – das ist nachvollziehbar. Daraus einen Dauerzustand zu machen, ihn zuzulassen, ist der absolut falsche Weg. Ihn zu tolerieren – mit äußerster Konsequenz – inakzeptabel. Hören Sie auf die Stimmen der kommenden, nachwachsenden Diplomaten in Ihren Reihen, die Sie auffordern, Ihre Haltung zu überprüfen und zu ändern. Hören Sie auf die Stimme von israelischen Politikern wie dem ehemaligen Premier Ehud Olmert, hören Sie auf Künstler und Künstlerinnen wie Noa, die in bewundernswerter Form hart, aber auch immer versöhnlich im eigenen Land die katastrophalen Zustände beim Namen nennt. Lesen Sie die Ausgabe Nr. 31/2025 des SPIEGEL und darin den Artikel von Juliane von Mittelstaedt und Thore Schröder und von SPIEGEL-Mitarbeiterin Ghada Alkurd, die hautnah aus Gaza berichtet, und reihen Sie sich demonstrativ endlich ein in die zunehmend ausweitende Staatengemeinschaft derer, die Netanjahu und seine Helfershelfer zur Vernunft bringen wollen und eine sofortige Wende in der Politik dieses Landes einfordern.
Wenn England, wenn Frankreich, Kanada oder Australien usw. das können – warum ausgerechnet nicht Deutschland auch? Wovor haben Sie Angst? Angst davor, falsch interpretiert zu werden und somit in der „falschen Ecke“ zu landen? Die Kritik an Netanjahu und der jetzigen israelischen Regierung ist nicht Kritik an der Majorität der israelischen Gesellschaft, denn die verurteilt seit Langem sein Verhalten und seine Entscheidungen.
Die Existenzberechtigung Israels und seiner Bürger wird damit in keinster Weise berührt, geschweige denn in Frage gestellt. Was aber für die einen gilt, muss auch für die anderen gelten dürfen. Die Zweistaatenlösung dazu ist der einzig wahre Weg. Jeder Mensch auf dieser Erde hat ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben – und NIEMAND hat das Recht, das einzuschränken oder gar zu verwehren. Auch nicht Israel! Und auch nicht vor dem Hintergrund des unsagbaren Leids, der Anfeindung und der Verfolgung über Jahrhunderte hinweg, über die Gräueltaten des Dritten Reichs bis hinein in den Antisemitismus der Gegenwart.
Zu dieser Quintessenz müssen Sie sich – wenn Sie das nicht schon im Stillen getan haben – öffentlich bekennen und dann danach handeln! Sachlich, klar und entscheidungsbereit. Das erwarten die Bürger in unserem Land von Ihnen.
Hören wir endlich auf mit Hysterie, mit Selbstbetrug, mit Unehrlichkeit und strategischen Spitzfindigkeiten. Kehren wir zurück zu den Wurzeln unserer humanen Regelwerke – ohne Wenn und Aber. Bekämpfen wir gemeinsam systematische Manipulation und Propaganda. Angst zum Beispiel zu verbreiten, sie als Mittel zur Umsetzung politischer Ziele einzusetzen, ist inakzeptabel. Und: Fangen wir an, die Erkenntnisse aus der Gaza-Tragödie zu übertragen auf die anderen Brennpunkte unserer Zeit. Auf die Ukraine, den Iran, auf die Erosionen in den verbleibenden Demokratien und die zunehmenden autokratischen Züge ihrer Entwicklung. Auch in unserem Land.
Es gilt, die Zeichen der Zeit zu erkennen!
Wie sagte Eldridge Cleaver so richtig:
If you are not part of the solution,
you are part of the problem.