Idole des Crossover
Geigen-Beau David Garrett (29) schlurfte vorm Konzert mit tief hängenden Jeans durch die Philharmonie. Auch Peter Maffay (60) war gestern mit Orchester im Tempodrom unterwegs. Beide traten am selben Abend in Berlin auf. Zwei ganz unterschiedliche Künstler, die sich dennoch irgendwie nahe sind: Sie sind Idole des Crossover. Der Jüngere spielt eine der exklusivsten Geigen der Welt; ist von Hause aus ein Klassiker, wird als Popstar gefeiert. Der Ältere sieht sich als Rocker, tritt aber mit Sinfonieorchester auf.
Beide verbindet die gleiche Botschaft, die gleiche Sehnsucht, die sie offenbar mit vielen Menschen, vor allem den weiblichen Fans teilen. Mit seinen Titeln "Du" und "So bist Du" hatte Maffay zwei Nummer-Eins-Singles. Das Du ist der Schlüssel. "Das Ich schließt einen Partner aus", sagt Maffay und meint, dass Menschen, die zuviel "ich" sagen von der Einsamkeit gefährdet sind. Maffays Musik sucht von Anbeginn ein Gegenüber, und auch Garrett geigt die ganze Zeit nichts anderes als ein Du herbei. Seine CD "Classic Romance", mit der er in ausverkauften Häusern deutschlandweit tourte, ist eine Sammlung von Musikstücken frei nach Dvorak und Mendelssohn Bartholdy, die das romantische Gefühl der Zweisamkeit vermitteln soll.
Die Begegnung mit Peter Maffay fand vor Tourneebeginn daheim in Tutzing am Starnberger See, in seinem Studio, statt. Es herrscht familiäre, herzliche Stimmung, alle duzen sich. "Es gibt nichts wichtigeres als Familie", sagt Maffay und spricht gern über seinen kleinen Sohn. "Familie zu leben ist eine Kunst, die ich möglicherweise nicht beherrsche, aber mich bemühe", sagt Maffay, der in vierter Ehe lebt. Der Titel "Ewig" auf der CD ist rein mit Orchester eingespielt, ohne Band.
"Ich bin Bewohner dieses Globus", sagt Maffay und offenbart ein Stück seiner Zerrissenheit: "Wir sind Reisende. Meine ganze Familie ist zerstreut." Am Anfang stand die Migration. Der Sohn einer Siebenbürger Sachsin und eines Ungarn kam 1963 in die Bundesrepublik. "Es gab ein Wort, wie man diese Menschen aus Siebenbürgen bezeichnete", sagt er: "Rucksackdeutsche." Bereits als Kind lernte Peter "Mein Ventil hat sechs Seiten", sagt er. Als Gitarrist, als aufmüpfiger Rocker, der eigentlich ein Balladensänger ist, geht er in die Welt hinaus. "Über sieben Brücken musst du gehen" der Ost-Gruppe Karat hat er im Westen nachgesungen.
David Garrett kommt dagegen aus dem wohl behüteten Kinderzimmer der Klassik. Der Aachener, Sohn eines deutschen Juristen und Geigenauktionator und einer amerikanischen Primaballerina, ist wohl als dressiertes Wunderkind aufgewachsen. Was auch ein einsames Leben sein kann. Crossover ist auch eine Art künstlerischer Pubertät. Das Ziel ist noch nicht erkennbar, bis dahin lässt sich der Virtuose von Tournee zu Tournee treiben. Übrigens haben sich Geiger Garrett und Gitarrist Maffay schon mehrfach getroffen - sie sollen sich blendend verstehen.
Quelle: http://www.welt.de/die-welt/kultur/literatur/article6008972/Idole-des-Crossover.html





